Samstag, 1. September 2012

Gastsprecher Chris Thomas - Heimische Laubgehölze (Solent Bonsai Society)

Chris Thomas war für das Wochenende aus Wales nach Südengland gekommen, um mehrere Seminare und Lehrgänge in der Region zu halten. Als Gastsprecher und Freund der Solent Bonsai Society eingeladen, redete er über zwei Stunden über heimische Laubgehölze. Eine sehr interessante Lektion, selbst für mich als professioneller Gärtner. Dank meiner Ausbildung war es zwar leicht seinen Schilderungen zu folgen und die Hintergründe zu verstehen, wo andere womöglich mangels Wissen Schwierigkeiten hatten. Nichtsdestrotrotz teilte Chris seine Erfahrungen und gab sein wertvolles Wissen an uns weiter. Hier ein sehr kurzer Umriss der Lehrstunde:

Der Tenor des Abends war immer wieder: Du musst deinen Baum verstehen! Beobachte jeden Tag und verstehe Konsequenzen des Schneidens oder Nicht-Schneidens. Experimentiere, lerne mit dem Baum und entwickle dich mit ihm. Ja, Bücher geben Ratschläge und sagen dir was du tun sollst, aber das macht noch keinen Bonsai, geschweige denn einen erfolgreichen Bonsaigärtner. Neugier und Wissensdurst leiten dich über Jahre zum Verständnis über das Wuchsverhalten.

Ein anderer wichtiger Grundaspekt: Die Bonsaikunst dreht sich nicht um den fertigen Baum, sondern um den Weg der Entwicklung des Baumes, aber auch vor allem um deine eigene Entwicklung. Momentan scheint es einen Trend zu geben, wo in den Demonstrationen der Sofort-Bonsai präsentiert wird. Bonsai in wenigen Schritten und fertig. Falsch! Ein echter Bonsai braucht Zeit, Jahre sich zu entwickeln. Ja, man kann trödeln und die Zeit vertun und ja, es gibt Abkürzungen. Aber diese funktionieren nur mit dem richtigen Fachwissen und dem Verständnis des Baumes, womit wir zurück zum ersten Punkt kommen.

Ich selber habe ohnehin nie Menschen verstanden, die Unmengen Geld ausgeben, damit sie am Ende einen tollen Bonsai im Garten haben, aber nicht im Geringsten wissen wie man einen Bonsai erarbeitet, geschweige denn pflegt. Somit ist der teure Bonsai zur Verwahrlosigkeit verdammt. Bonsai als Statussymbol ist die völlig falsche Einstellung. Aber leider dominant und schlimmer noch der Grund für all die Diebstähle.

Nun zum Verständnis des Baumes: Zunächst muss ein wichtiger Unterschied zwischen Laub- und Nadelgehölzen verstanden werden. Chris malte dazu wundervolle Kritzelbilder, die aber durchaus deutlich waren. Ich zeige euch zum besseren Verständnis meine Kritzelbilder.


Der Unterschied zwischen Laub- und Nadelgehölzen ist also der Astaufbau. Während Nadelhölzer, hauptsächlich in kälteren Regionen beheimatet, ihre Äste nach unten stellen, um die Schneelast zu verringern wachsen die Äste von Laubbäumen nach oben, dem Licht entgegen. Dies ist ein wichtiger Aspekt, den man bei der Bonsaigestaltung unbedingt beachten muss.

Ist dies verstanden kann man sich um die Aststruktur kümmern. Eine natürliche Aststruktur ist wichtig, um einen harmonisch aussehenden und gesunden Bonsai zu entwickeln.
Wie sieht die natürliche Aststruktur überhaupt aus? Vom Stamm ausgehend wachsen die ersten Seitenäste, die mit der Zeit dicker und länger werden. Bald bilden sich daran Seitenäste 2. Generation, die sich weiterhin verästeln und damit das Astwerk verfeinern. Als Bonsaigärtner kann man diesen Vorgang ganz genau kontrollieren und beeinflussen. Man sollte allerdings nie mehr als drei Generationen zulassen, weil das Astwerk ansonsten zu unübersichtlich wird. Er nannte es: "a horticultural exercise".

Dazu muss man sich die Seiten- und Terminalknospen angucken. Chris erklärte zwei verschiedene Knospenarten am Ahorn- und Buchenbeispiel.
Ahörner haben gegenseitige Knospen und haben an der Triebspitze drei Knospen. Zwei Seitenknospen und eine Knospe in der Mitte. Lässt man den Ast wachsen, treibt die Mittelknospe aus und verlängert den Ast, während all die Energie dorthin transportiert wird. Als Knosequenz bilden sich vorerst noch keine Seitenäste, weil die Seitenknospen nur Blätter produzieren. Entfernt man vor dem Austrieb nun die Mittelknospe, geht der Pflanzensaft in die Seitenknospen (statt in die Triebverlängerung) und als Konsequenz verzeigt sich der Ast.
Ziel ist es aber auch eine schöne Stamm- und Astverjüngung zu bekommen, welche essentiell für ein harmonisches Aussehen ist.

Das Beispiel Buche funktioniert etwas anders, da die Knospen hier wechselständig angeordnet sind. Um eine frühzeitige Verzweigung zu erzwingen muss man den frischen Trieb entweder einkürzen oder aber alle frischen Blätter bis auf das an der Triebspitze entfernen. Dadurch induziert man Wuchs in den schlafenden Knospen in den Achseln, welche immer und zahlreich vorhanden sind. Schlafende Augen bedeutet, in jeder Blattachsel sitzen Anlagen für potentiell weitere Blätter und Seitentriebe, die aber nicht austreiben, da ja schon ein Blatt oder Seitentrieb vorhanden ist. Bei Entfernung dessen aber werden sie veranlasst auszutreiben, weil es des Baumes Bestreben ist den Verlust zu kompensieren.

All diese Methoden funktionieren nur bei einem absolut starken und gesundem Baum. Ansonsten muss mit Misserfolg oder gar Verlust gerechnet werden!

Chris ging anschließend noch auf viele Fragen aus dem Publikum ein. Fragen über Düngung, Wundbehandlung, Drahten etc. Zum Schluss erklärte er an einer seiner mitgebrachten Buchen Gestaltungsmöglichkeiten und seine Entscheidung wie der Baum sich entwickeln sollte. Jeder konnte mitdiskutieren und zur offenen Runde beitragen.

Eine letzte Lektion: Es gibt niemals ein fertiges Rezept für einen Bonsai. Es gibt immer viele Möglichkeiten einen Baum zu gestalten. Es gibt kein Falsch oder Richtig. Man muss seinen eigenen Stil finden, denn jeder hat seinen eigenen Geschmack und Vorstellung von Schönheit und Harmonie. Seinen Baum einem Bonsaimeister zu geben, um ihn "professionell" gestalten zu lassen, sollte nicht zur Dauerpraxis werden, sondern lediglich zum Lernen genutzt werden. Ansonsten entwickelt man sich nicht. Man könnte genauso gut einen fertigen Baum kaufen und den sich in den Garten stellen, womit wir zurück am Anfang wären.

Der Abend war absolut wichtig für mich, erleuchtete es meinen Horizont ungemein und zeigte mir viele Unterschiede im sonst so geregeltem Gartenbau. Obwohl es um die Anzucht von Bäumen geht, sind viele Dinge doch ganz anders. Gespickt voller neuer Ideen, Ratschlägen und Weisheiten, fuhr ich bereichert und inspiriert nach Hause.


Kommentare:

  1. Sehr toller Bericht, danke, jetzt weiß ich warum meine Buche sich nicht so verzweigt wie ich will! Nächstes Jahr probiere ichs mit dem Blattschnitt aus!

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    1. erzähl was daraus geworden ist :) ich hab beides ahorn und buche und werde beide techniken auch ausprobieren. gerade bei der buche bin ich gespannt.

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