Montag, 7. Januar 2013

Geheimnisse über Geheimnisse

Wieso sind die Deutschen so Eigen mit ihrem Wissen?

Als ich meine Ausbildung in einer westfälischen Baumschule gemacht habe, wurde mir eigentlich nicht besonders viel beigebracht. Gut, das mag natürlich am Betrieb selber liegen. In der Runde mit Klassenkameraden der Berufschule erzählten diese mir dann ähnliche Erfahrungen (obwohl sie grundsätzlich mehr im Betrieb lernten als ich), dass  bestimmte Dinge offenbar nicht gerne weitergegeben werden. Da gibt es Geheimrezepte für Erdmischungen für die eine und die andere Pflanze, ein magisches Pulver hier und da um den Konkurrenten auszubooten. Hausgemachte geheime Dünger, die kein anderer hat und daher die Pflanzen besser wachsen als anderswo. Oder einen ausgefeilten Vermehrungstrick, der sich durch Generationen entwickelt hat und nun als Familiengeheimnis nur an den Sohn weitergegeben wird. Auch Verkaufsstrategien und Spionageergebnisse werden als Geheimnisse weiter getragen.

Klar, einen Azubi all das beizubringen wäre ja betrieblicher Selbstmord. Immerhin züchtet man sich da da den nächsten Lokalrivalen heran. Was eine kurzsichtige Ansicht. Das Lustige daran war: mein Ausbildungsbetrieb war derart altbacken und exzentrisch, dass da sowieso nix mit konkurrenzfähig war.

Aber wieso Azubi, wenn tatsächlich Minimal-Bildung betrieben wird. Ganz klar: Azubis sind billigere Arbeitskräfte. In meinem Betrieb waren wir vier Azubis und ein Altgeselle (heute heißt das Gehilfe). Wobei der Altgeselle genauso dumm gehalten wurde wie wir. Diese Geheimniskrämerei ging mir extrem auf die Nerven. Und obwohl ich als Azubi Fragen gestellt hatte, wurde nur um den heißen Brei herum geredet und mir dummes Zeug erzählt, damit die Fragerei aufhörte. Damals hatte ich noch nicht solch eine feine Bibliothek Zuhause wie heute und auch keinen Internetanschluss, so blieb mir nichts anderes übrig, als meinen Chefs zu glauben. Allein meine Berufschullehrer schienen vertrauenswürdig, wobei nicht im Geringsten ins Detail gegangen wurde. Der Beruf des Gärtners ist für Hauptschulabsolventen ausgelegt, daher wird nicht besonders viel erwartet und mit wenig Aufwand bekommt man gute Noten.

Jahre später finde ich heraus, dass die Situation meistens ziemlich ähnlich aussieht in anderen Betrieben und Berufen Deutschlands, nicht immer, es gibt Ausnahmen natürlich. Wiederum Jahre später finde ich heraus: es geht auch anders.

1. positive Erfahrung: 
als Student der FH OS haben wir einige Betriebe besucht, bekamen Führungen und durften jede Menge Fragen stellen. Hier gab es viele Betriebsleiter, die sehr offen über Dinge gesprochen haben, obwohl einige wenige nicht immer so entspannt waren, um betriebsempfindliche Informationen  (wie Umsatz, Gewinn, Preisberechnungen etc.) herauszugeben. Nichtsdestotrotz war dies eine ganz andere Haltung gegenüber Bildung. Wahrscheinlich auch, weil unser Lehrer die besuchten Betriebe mit Bedacht gewählt hatte, wohl weißlich wer Bildung offen gegenüber steht und wer nicht.

2. positive Erfahrung: 
Wiederum als Student kam ich nach England, um meine Diplomarbeit zu schreiben. In England wird viel wert auf Erfahrungsaustausch und Wissensteilung gelegt. Es gibt ausgedehnte Bildungsprogramme, egal wie klein der Betrieb ist. Es wird wesentlich mehr Zeit aufgewendet, interessierten Menschen etwas beizubringen. Hier ist das Motto ein anderes: Die Azubis von heute sind die Zukunft deiner selbst. Sie machen deine Arbeit wenn du in Rente gehst. Und dann sollen sie die Arbeit genauso gut, wenn nicht gar besser machen. Obwohl es natürlich auch hier Ausnahmen gibt, wie überall.

Wo die Deutschen doch üblicherweise modern und aufgeschlossen in ihren Denkweisen, Einstellungen und Entwicklungen sind, befinden sich die Gedanken in Sachen Bildung scheinbar noch im Mittelalter. Nun sind seither einige Jahre vergangen, während dessen ich mich in England angesiedelt habe (aus anderen Gründen allerdings). Ich hoffe die Mentalität hat sich oder wird sich bald ändern, ist es doch eine sehr kurzsichtige Einstellung. Sich auf den Enthusiasmus der Schüler zu verlassen ist ein bisschen naiv meiner Ansicht nach. Auf die Art selektieren sich zwar die wirklich interessierten und eifrigen. Aber dadurch verliert man auch das womöglich hohe Potential des augenscheinlichen Durchschnittsmenschen.

Nun weiß ich allerdings nicht wie es in dieser Hinsicht in anderen Ländern aussieht. Welche Einstellung die Franzosen vertreten, oder wie die Schweden dazu sich verhalten. Würde mich jedoch interessieren. Hat irgendjemand Erfahrungen zu diesem Thema?



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