Mittwoch, 17. April 2013

Herbarium-Seminar

Schon seit meiner Baumschulausbildung, als wir einige Kräuter pressen und trocknen sollten, war ich fasziniert von Herbarien. Immer wieder sammelte ich Feldkräuter und presste sie in meinen dicksten Büchern. Mit dem Studium, und spätestens als ich nach Hillier kam, wo wir ein professionelles und national anerkanntes Herbarium führen, wurde der Wunsch größer ein eigenes, professionelles Herbarium zu erstellen. Vor einigen Jahren recherchierte ich welche Materialien man brauchte, las Bücher und bereitete die ersten Dinge vor. Am Ende haperte es an einer professionellen Presse, die dem Größenformat entsprach. Ich wollte keine Presse für teures Geld kaufen, sondern eine selber bauen. Allerdings wusste ich nicht, wie denn eine solche Presse aussieht bzw. welche Charaktere sie haben muss.

Am Mittwoch wurden meine langjährigen Wünsche erhört, denn mein Chef schickte mich und drei Kollegen zum RHS Garten Wisley, wo Plant Heritage ein Herbarium-Seminar anbot. Es war ein fantastischer Tag! Ich lernte so viel und konnte die Theorie aus Büchern so viel besser verstehen.

Chris Whitehouse führte den Lehrgang, zusammen mit seinen Herbarium-Kollegen Barry und Mandeep. Zusammen erklärten sie die Arbeitsabläufe im Herbarium und zeigten uns das Herbarium vor Ort. Sie erzählten uns viele Tipps und Tricks, die sie über die letzten Jahrzehnte herausgefunden hatten und die heute Standard in der Herbariumtechnik sind.

Barry Phillips zeigt wie man ein Exemplar für die Herbarien sammelt.

Hygiene ist sehr wichtig, nach jedem Schnitt wird das Messer oder die Schere desinfiziert.

Schließlich ging es ans Eingemachte. Wir sind durch den Garten gegangen, um unsere eigenen Pflanzen zu sammeln und anschließend zu archivieren. Ich wählte Fritillaria meleagris, eine meiner Lieblingspflanzen, die zur Zeit blühen. Zurück im Seminarraum haben wir mit RHS genormten Farbtafeln die Farben der einzelnen Pflanzenteile festgehalten. Denn selbst heutzutage mit modernster Technologie, können die Farben beim Pressen und trocknen nicht erhalten werden. Wissenschaftlich erklärt sich das so, dass die Farbpigmente in Wasser gelöst sind, beim trocknen demzufolge Wasser entzogen wird und sich damit die chemische Zusammensetzung der Farbpigmente ändert. Mit Hilfe dieser Farbtafeln kann man dann aber trotzdem noch im Nachhinein eindeutig sagen, welche Farbe die Blüte oder das Staubblatt gehabt hat. Besonders zur Identifizierung einzelner Sorten innerhalb einer Pflanzengruppe, sind Farben häufig die einzige Eigenschaft für eine sichere Identifizierung.

Fritillaria meleagris
Farbtafeln der RHS, fünfte Auflage

Vergleichen der Farben mit der Farbtafel, danach wird der Farbcode aufgeschrieben.

Meine Fritillaria meleagris, fertig zum Pressen.

Über das digitale Fotografieren wurde auch gesprochen, ist es doch eine sehr gute Methode, um Abbilder der Pflanzen zu Archivieren. Allerdings gibt es auch hier Nachteile, denn selbst ein erfahrener Profi wird nicht die Farben real widergeben können. So kann man auch hier nicht die Farbtafeln umgehen. Zudem kann es sein, dass ein Nicht-Botaniker möglicherweise relevante Pflanzenteile nicht fotografiert und somit wichtige Charaktere zur Identifizierung nicht festgehalten wurden.

Schließlich pressten wir unser Exemplar. Wie ein Sandwich wird es stramm eingepackt und dann mittels Zuggurte und Holzstreifen zusammengepresst. So kann der ganze Stapel in den Trockner (oder über dem Heizkörper) getrocknet werden. Wichtig hier ist, dass das Material möglichst schnell getrocknet wird, um so wenig Qualitätsverluste wie möglich zu haben. Theoretisch also könnte man das Ganze in den Backofen bei 80°C stecken. Dann allerdings ist von der DNS innerhalb des Pflanzenmaterial nichts mehr übrig. DNS besteht aus Eiweißen (Proteine), die bei über 40°C denaturieren (zerfallen). Daher ist ein Fieber über 40°C auch so lebensbedrohlich für uns Menschen, denn die Eiweißkomponenten in unserem Körper zerfallen und können danach nicht wieder repariert werden. So ist das bei allem lebenden Material, welches Proteine beinhaltet. Die DNS zu erhalten ist allerdings ebenso wichtig für eine 100% Identifizierung wie das eigentliche Herbariumexemplar auf dem Blatt Papier.

fest gezurrt und mit Holzleisten auf Spannung gebracht, erzeugt hohen Druck
Am Ende haben wir geübt, ein bereits trockenes Exemplar auf ein standardisiertes Blatt zu applizieren. Dazu hatte Barry Tage zuvor Material gesammelt, das nun als Übungsmaterial diente. Ich suchte mir einen Farn heraus. Beim Aufkleben der gepressten Pflanze geht es vorwiegend um die botanischen Charaktere und nicht um die Schönheit. So hatte ich die Wahl zwischen einem schön aussehendem Farnwedel und einem nicht so schön aussehendem Wedel. Leider sollte ich den nicht so schön aussehenden benutzen, weil dieser die botanischen Charaktere besser widergibt, als der andere.

Dryopteris x erythrosora 'Brilliance' fertig zum Archivieren in einem Herbarium.

Immer wieder konnten wir Fragen dazwischen werfen und wir bekamen hoch qualitative Antworten. Dieser Tag war einfach nur wundervoll und extrem lehrreich. Am liebsten würde ich direkt loslegen und ganz viel Pressen. Leider habe ich daheim keinen Platz. Zu guter Letzt wurden wir eingeladen, gepresste Exemplare einzuschicken, damit sie der Sammlung in Wisley hinzugefügt werden können.

Exemplare aus dem Wisley Herbarium

Wisley Herbarium mit derzeit 80.000 Exemplaren



Kommentare:

  1. Sehr interessanter Bericht! Das Pressen von Pflanzen hatte ich auch mal angefangen - allerdings auch irgendwann wieder aus Zeit- und Platzmangel aufgegeben. So schön wie diese Exemplare hier, sind meine Pflanzen natürlich nie gewesen. Aber es hat mir richtig Spaß gemacht, da mal wieder was drüber zu lesen.
    LG Calendula

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  2. Hey, erhält sich die Farbe der Blüten so gut, weil sie in einem Trockner waren? Was ist das für ein Trockner, welche Temperatur hat er? Hast du was darüber erfahren wie man Wasserpflanzen trocknet (als Beispiel Blasentang)?
    Meine Blätter werden schnell bräunlich durch das Pressen, zb der Wegerich.

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    1. nein, die farben sind so gut erhalten, weil die pflanzen schnell aber schonend ohne UV-lichteinfluss getrocknet wurden. ob das nun im trockner stattfindet oder anderweitig spielt dann keine rolle. zur temperatur steht's ausführlich in abschnitt 6 im blog eintrag (siehe oben).

      über wasserpflanzen haben wir auch gesprochen. ist sehr schwierig, weil das gewebe oft sehr schwammig und voll wasser ist. hier ist sehr viel erfahrung gefragt. Barry hat es wohl ein paar mal geschafft die blüte einer teichrose, Nymphaea sp. zu trocknen. ansonsten haben selbst die profis bisher wenig erfolg.

      dass blätter beim trocknen braun werden ist normal und zu erwarten. niemand kann etwas trocknen ohne die farbe zu erhalten. deswegen benutzen professionelle herbarien die farbtafeln, bevor die pflanze getrocknet wird.

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